|
Wenn
man das Abitur, die sogenannte Hochschulreife, verliehen bekommen hat,
muss eigentlich somit auch sichergestellt sein, dass eine mit dieser im
deutschen Schulsystem höchsten Ehre versehene Person frei sprechen und
sauber argumentieren kann. Damit dies auch bei uns zutrifft, fuhren wir
in der Zeit vom 31. Januar bis zum 2. Februar 2002 – wie dies am
Gymnasium Netphen Tradition ist – nach Bergneustadt zu einem
sogenannten Rhetorikseminar. Was dies genau bedeutet, bezweckt und
beinhaltet wussten wir vorher in aller Konsequenz noch nicht.
Den
Namen des Seminars - „Politisches Handeln durch freies Reden“ -
hatte man vorher schon mitbekommen, genauere Einzelheiten wusste man,
wenn überhaupt, aus der damaligen Jahrgangsstufe 13.
Am
Donnerstag, den 31. Januar fuhren wir nach der 2. Stunde in Netphen los
und erreichten am späten Vormittag die Alfred-Nau-Akademie der
Friedrich-Ebert-Stiftung in Bergneustadt, die 3 Tage lang unsere Bleibe
sein sollte. Erster Programmpunkt dort war die Zimmerverteilung. Wir
erhielten Zweierzimmer mit Dusche (jedoch ohne WC). Nachdem die
Aufteilung reibungslos geklappt hatte, die Zimmer bezogen und die Koffer
ausgepackt waren, gab es erst einmal Mittagessen, was natürlich allen
sehr gefiel. „Nichts getan, aber erst mal was essen!“. Dies
schmeckte – zu unserer Verblüffung – hervorragend, was man sonst
nicht immer von Unterkünften anderer Klassenfahrten sagen kann.
Wahrscheinlich lag dies jedoch an der politischen und rhetorischen
Wichtigkeit dieser Akademie, die selbstverständlich noch anderweitige
Geldquellen als die „armen Schüler des Gymnasiums Netphen“ hatte.
Nachdem alle satt waren, wurden wir in insgesamt 4 Gruppen aufgeteilt,
denen Dozenten zugeteilt wurden. Man begann mit der Arbeit - das Seminar
wurde offiziell eröffnet!
In
den folgenden Tagen bearbeitete man sprachlich-rhetorische Aspekte und
Fragen wie „Was hindert mich daran meine Meinung in der Öffentlichkeit
frei zu äußern“, „Die Freie Rede nach wohlgeordneten, festen
Punkten“ oder „Rede als Form der Auseinandersetzung“. Außerdem
lernten wir die „Grundregeln für die Körpersprache“, die wir
anschließend vor laufender Kamera in Form einer Nacherzählung einer
kurzen Geschichte anwenden konnten. Auch teils interessant und nützlich
waren z.B. das „Organonmodell der Sprache“, die „Quadratur der
Nachricht“ oder Kriterien für „rhetorische“ Zuwendung, die jedoch
den meisten von uns mittlerweile nicht mehr so geläufig sind. Auch
erlernten wir die "Amerikanische Debatte" oder das „Wittsack’sche
Rahmenschema“ zum Halten themenbezogener Reden, wendeten es praktisch
im Plenum und teils wiederum vor laufender Kamera an.
Da
eine solche Studienfahrt natürlich nicht nur zum lernen sondern auch für
andere, sinnvolle Tätigkeiten nützlich sein kann, konnten wir uns außerhalb
der Seminarzeiten, besonders abends, im integrierten Bierkeller, auf dem
sich schon vor dem Abendessen alle (oder zumindest die Meisten) freuten,
beschäftigen.
Dort konnte man in gemütlicher Runde mit Jahrgangsstufenmitgliedern
sowie unseren Lehrern Herr Küppers, Frau Clevermann, Frau Brenner oder
Herr Neumann sitzen, das ein oder andere Wässerchen, Colachen oder gar
Bierchen trinken und über „Gott und die Welt“ reden.
Eine
Attraktion im Bierkeller war die leider nicht sehr oft genutzte
Karaokeanlage. Nur zwei Schüler waren mutig genug sich vor versammelter
Jahrgangsstufe als „Karaokesänger“ zu outen, dafür taten sie es
„mit viel Elan und um so professioneller“, zur Unterhaltung der übrigen
Kameraden.
Auch
eine Jahrgangsstufenversammlung fand an einem der Vorabende statt, bei
dem wir über unser ursprüngliches Abi-Motto abstimmten. Dieses wurde
jedoch in einer der folgenden Versammlungen durch ein „konstruktives
Misstrauensvotum“ demokratisch abgewählt und durch ein neues ersetzt.
Auch
erwähnenswert ist das „nächtliche Treiben“ unserer Jahrgangsstufe
in Bergneustadt. (Gemeint ist hiermit die Zeit der eigentlichen
Bettruhe.) So musste Herr Küppers in der letzten Nacht mit Entsetzen
feststellen, dass sich einer seiner Schutzbefohlenen bei einer
Zimmervisite im Schrank des gerade kontrollierten Zimmers
versteckte. Durch eine falsche und nicht mehr kontrollierte
Bewegung des Schülers verlor der Schrank plötzlich unter einer
furchtbaren Geräuschkulisse alle Einlegeböden und fiel in sich
zusammen. Herr Küppers riss den Schrank (oder zumindest den Rest davon)
auf und sah das „Häufchen Elend“... Bei solchen nächtlichen
Untaten und im Affekt sind Worte wie „Sind Sie eigentlich sch.... oder
was?!“ vielleicht sogar von Pädagogen wie Herrn Küppers
angebracht... Zur Freude aller Beteiligten konnte dieser Schrank jedoch
sogar noch in der gleichen Nacht repariert werden, da er nicht wirklich
beschädigt war. Die „Schrankaktion“ sowie Herr Küppers' verbaler
Ausrutscher verbreitete sich trotz allem am Morgen des letzten Tages
lawinenartig. Herr Küppers konnte sich aber an nichts mehr erinnern.
(Warum nur?)
Als
Fazit des Rhetorikseminars kann und muss man festhalten, dass das Essen
klasse, das Seminar lehrreich und die Stimmung in der Jahrgangsstufe
hervorragend war. Man verbrachte dort fern ab von allem Alltagsstress
ein paar schöne, ich will nicht sagen erholsame, aber interessante
Tage, die wie alle Klassenfahrten so schnell nicht vergessen werden. Wie
hoch der Bildungsanteil letzten Endes war, kann man in Zahlen oder
Worten nicht eindeutig ausdrücken. Jeder hat, denke ich, ein bisschen
was gelernt (und wenn es nur das Reparieren von Schränken ist) und ein
wenig Spaß gehabt.
Christian
Reuter ;-)
März
2003; Fotos: Herr Küppers
|